Traditionsgeschäft Lange verabschiedet sich

Reinhard Lange

10. Juni 2020 | Das Porzellanhaus Lange schließt für immer seine Türen. Nach 75 Jahren verschwindet eine Kasseler Institution, die viele seit der Nachkriegszeit kennen. Der Ausverkauf läuft bereits auf Hochtouren. Ein neuer Pächter für die Räume in der Neuen Fahrt steht schon fest.

„Alles muss raus – Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe“. Die Plakate und die rot-weißen Flatterbänder an den Schaufenstern in der Neuen Fahrt künden vom Ende einer Ära. Die Betreiber Petra und Reinhard Lange geben das traditionsreiche, bis zum Schluss erfolgreiche Geschäft auf. Den Entschluss hatten die beiden schon vor einiger Zeit gefasst. Kleine Geschäfte wie ihres hätten es immer schwerer gegenüber großen Kaufhäusern und dem Internet. Innerhalb der Familie war schon länger bekannt, dass sie Schluss machen werden, sobald die Zeit für den Ruhestand gekommen ist. Jetzt sei es soweit.

Über allem ein Hauch von Wehmut

Zahlreiche Kundinnen und Kunden, darunter viele Stammkunden, sind trotz Maskenpflicht, Sicherheitsabstandsregel und Wartezeiten in diesen letzten Tagen noch einmal gekommen. Zu Besuch in dem feinen Laden mit den drei Ebenen, in dem so viel Schönes rund ums Kochen und Wohnen zu erwerben ist. Reinhard und Petra Lange, beide mit Corona-Gesichtsvisier, unterstützt von ihren Mitarbeiterinnen, kommen bei dem Trubel kaum hinterher. Wie es ihm nun geht? Reinhard Lange wirkt weniger traurig als vielleicht sogar eine Spur erleichtert. „Wir sind jetzt im Rentenalter, es ist okay“, sagt der 66-Jährige beim Fototermin. Dann huscht er schnell wieder hinein und tut das, was in all den Jahrzehnten Lange zu einem Erfolg hat werden lassen: sich intensiv um die Kunden kümmern und sie äußerst fachkundig beraten. Dennoch schwebt über allem ein Hauch von Wehmut.

Porzellanhaus Lange schliesst

Nach dem Krieg mit Hausrat begonnen

Die Geschichte von Lange beginnt unmittelbar nach dem Weltkrieg. Reinhard Langes Vater Otto und dessen Bruder Hugo starten ganz klein – mit Nachkriegsbedarf, mit Hausrat und Töpfen, in einem entrümpelten Raum im ersten Stock der Commerzbank am Königsplatz. Neue Räumlichkeiten, ab 1948 als Untermieter des Bekleidungshauses Overmeyer ermöglicht, sorgen am Königsplatz schließlich für eine Expansion. In den Wirtschaftswunderjahren kommt allmählich Porzellan in die Regale, Haushaltswaren verschwinden langsam. 1951 verlässt Hugo Lange das Geschäft und Otto heiratet – fortan ist dessen Frau Hildegard mit an Bord. Ab 1952 gibt es dort keine Haushaltswaren mehr, das Geschäft ist nun ausschließlich auf die gedeckte Tafel spezialisiert.

Edles Porzellan der besten Manufakturen in der Wilhelmsstraße

1967 dann der Umzug in die Wilhelmsstraße – der Mietvertrag am Königsplatz war ausgelaufen. Feine Porzellane der besten Manufakturen, edle Bestecke, Gläser etc: der neue Standort entwickelt sich prächtig. 1980 stirbt Reinhard Langes Vater Otto. Mit seiner Mutter führt er das Geschäft weiter. 1993 wird ein weiteres Ladenlokal in der Neuen Fahrt erworben – beide Räumlichkeiten lassen sich miteinander verbinden. Das Porzellanhaus ist in den Folgejahren mit bis zu 28 beschäftigten Frauen, einschließlich seiner Frau Petra, auf dem Zenit des Erfolgs. Im Laden der Neuen Fahrt geht es wieder zurück den Wurzeln: Hier finden sich hochwertige Küchenutensilien aller Art, befeuert vom Trend der TV-Kochsendungen und der neuen Lust am Kochen. Später sind auch feine Tischwäsche, Kissen und Wohnartikel wie Lampen im Sortiment. Manufakturen ist seit längerem nicht mehr gefragt.

Im Anschluss kommt ein Modegeschäft ins Quartier

Nun steht das Ende des Geschäfts unmittelbar bevor. Noch bis Ende Juli läuft der Ausverkauf. Leer stehen werden die Räume nicht: Als kommender Pächter steht das Kasseler Modegeschäft „Voice“ – zurzeit noch in der Wolfsschlucht 18 – bereits in den Startlöchern. Dort sei der Pachtvertrag ausgelaufen. Alexa Evers, Geschäftsführerin dieses Premium-Stores für Womens- und Menswear, sagt: „Wir freuen uns bereits sehr auf diese neue Location in der Neuen Fahrt – und ich persönlich freue mich auf die Rückkehr ins Quartier Wilhelmsstraße“. Alexa Evers ist mit ihrem Namen dort keine Unbekannte: Einst wirkte sie im Dessous-Geschäft der Kasseler Modeinstitution Heinsius und Sander, das sich einst in der Wilhelmsstraße befand, später an gleicher Stelle im einstigen Geschäft der Marke Bogner.

Fotos: Kettler Kommunikation

Modegeschäft Voice Wolfsschlucht

Das Modegeschäft Voice kommt ins Quartier: Von der Wolfsschlucht wird der Premiumhändler in die frei werdenden Räume der Neuen Fahrt umziehen. Foto: www.voice-store.de

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