Vietor als einzigartiges Geschäft ausgezeichnet

Lothar Röse, Inhaber der Hofbuchhandlung Vietor

19. Jan 2018 | Die Hofbuchhandlung Vietor im Quartier Wilhelmsstraße mit seinem Inhaber Lothar Röse ist jetzt ausgezeichnet worden. Die hessische Innenstadt-Offensive „Ab in die Mitte“ hat unter dem Titel „Mein Lieblings-Ladenlokal“ erstmals einen Preis für besondere und einzigartige lokale Geschäfte ausgelobt. Die Hessisch Niedersächsische Allgemeine HNA berichtete darüber. Lesen Sie im Folgenden das Interview mit Lothar Röse, das am 16.04. veröffentlicht wurde.

 

„Parkplatz-Klagen sind doch nur Ausreden“

Buchhändler Lothar Röse bekommt einen Preis für sein besonderes Ladengeschäft Vietor

Die hessische Innenstadt-Offensive „Ab in die Mitte“ hat unter dem Titel „Mein Lieblings-Ladenlokal“ erstmals einen Preis für besondere und einzigartige lokale Geschäfte ausgelobt. Unter den landesweit sieben Preisträgern, die am Dienstag in Bad Camberg ausgezeichnet und mit je 1000 Euro Preisgeld prämiert werden, ist als einziges Kasseler Geschäft die Hofbuchhandlung Vietor.

Wir sprachen mit Inhaber Lothar Röse über den Wandel der Geschäftswelt und über besondere Einkaufserlebnisse.

Wußten Sie davon, dass Ihre Buchhandlung als Preisträgerin gehandelt wird?
Lothar Röse: Nein. Bis mich vor wenigen Tagen jemand von der Jury angerufen hat. Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt. Wir haben uns nicht für diesen Preis beworben.

Haben Sie eine Idee, warum gerade Ihr Geschäft als beispielhaft ausgewählt wurde?
Röse: Ich denke, weil wir ein Laden mit Charakter sind. Bei uns stehen keine Klangschalen, Teebeutel oder Spielzeuge zwischen den Büchern. Bei uns gibt es auch keine Bestseller-Wände. Wir haben ein unverwechselbares Portfolio und bieten ausschließlich unsere Lieblingsbücher an. Dabei verkaufen wir von bestimmten Titeln manchmal so große Mengen, dass die Verlage uns fragen, wir wir das machen.

Viele Menschen vermissen attraktive Einkaufserlebnisse in den Innenstädten. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Röse: Ganz klar an der Gleichförmigkeit, ich bezeichne das als Deichmannisierung. Oft weiß man gar nicht mehr, in welcher Stadt man eigentlich ist. Gleichzeitig nimmt die Zahl der eigentümergeführten Geschäfte rapide ab. Das nehmen die Menschen zunehmend als austauschbar und charakterlos wahr.

Wie kann ein selbstständiger Geschäftsbetreiber dagegen Akzente setzen?
Röse: Mit Leidenschaft, mit Wertschätzung der Kunden und mit Liebe zu seinen Produkten. Bei mir selbst ist das auch ein wenig verbunden mit Sendungsbewusstsein, das Buch hat schließlich einen kulturellen Stellenwert. Ein allgemeines Rezept gibt es da wohl nicht. Ich bin da eher bauchgesteuert. Aber ich glaube, dass die Kunden Wertschätzung spüren. Und ich habe großartige Mitarbeiter, auf die ich mich verlassen kann. Ein wachsendes Potenzial in Kassel sind auch die Touristen. Die schätzen es sehr, wenn man Ihnen Tipps gibt. Und wenn die bei uns eine gute Erfahrung gemacht haben, dann erzählen sie das ihren Quartiergebern in Kassel weiter.

Die Kunden wandern verstärkt ins Internet ab. Sind sie durch die Angebotsfülle von Amazon bis Zalando anspruchsvoller geworden oder einfach bequemer?
Röse: Dass sie dort Kunde geworden sind, bedeutet ja, dass sie anspruchsloser geworden sind. Kein Algorithmus kann leisten, was wir in unserer Buchhandlung leisten können. Im Netz ist das alles ja nur pseudo-interaktiv. Wenn wir nach einer Empfehlung gefragt wurden, liebe ich es, wenn meine Kunden nachher berichten, wie ein Buch angekommen ist. Der Austausch darüer ist das Tolle, auch dann, wenn das Werk vielleicht mal schlecht gefunden wurde. Einen Online-Shop haben wir aber auch. Diesen Bereich wollen wir auch abdecken für Kunden, die etwas weiter weg wohnen oder gerade keine Zeit haben, in den Laden zu kommen. Am liebsten wäre es mir, wenn Kunden, die online bestellen, das Buch gelegentlich bei uns abholen. Am nächsten Tag ist es ja schon da, da sind wir mindestens so fix wir die gewissen Online-Riesen.

Wird es in der Innenstadt bald nur noch Filialen der immer gleichen Marken und Konzerne geben?
Röse: Wenn ich dieser Meinung wäre, hätte ich den Laden nicht übernommen. Natürlich sehe ich diese Gefahr. Aber ich bin angetreten, um das Gegenteil zu beweisen.

Sie waren ein Quereinsteiger, als Sie sich vor gut vier Jahren kopfüber ins Geschäftsleben der Innenstadt gewagt haben. Wie muss man ticken für ein solches Abenteuer?
Röse: Dazu muss man schon eine Macke haben (lacht). Bei Vietor hätte ich als junger Mann gerne eine Lehre gemacht, ich war auch jahrzehntelang guter Kunde dort. Als der alte Eigentümer nicht mehr weitermachen wollte, habe ich mich binnen 24 Stunden entschieden, den Laden zu pachten – gegen den ausdrücklichen Rat meiner Frau.

Und wie ging das aus?
Röse: Die Wogen haben sich wieder geglättet. Ich bin vor sechs Jahren nach einer sehr schweren Krankheit wieder hier in Kassel gelandet. Damals habe ich mir geschworen: Wenn Du das überstehst, dann machst Du künftig nur noch, worauf Du Lust hast und was dir am Herzen liegt. Bei Vietor ging es um einen der letzten kulturellen Leuchttürme im Kasseler Einzelhandel. Und um Träume und Leidenschaften. Ich habe damals meine ganzen Ersparnisse in das Projekt gesteckt. Mittlerweile sind wir auf einem ganz guten Weg und haben Jahr für Jahr ein lineares Umsatzwachstum. Auch Zeit muss man zu investieren bereit sein, wenn man so etwas angeht. Und da reden wir nicht nur über eine 60-Stunden-Woche. Wir gehen sehr viel nach außen mit unseren Lesungen und Projekten, lassen uns überall blicken.

Sie engagieren sich auch in der Händler-Gemeinschaft im Quartier Wilhelmsstraße. Wie ist die Lage unter den Kollegen?
Röse: Wir sind eine Einkaufsstraße mit Charakter. Hier gibt es noch viele inhabergeführte Läden. Die Solidarität ist hervorragend, man hilft sich gegenseitig. Aber es gibt auch Trittbrettfahrer – Filialisten und auch einzelne Grundstückseigentümer -, die sich an gemeinsamen Aktionen wie etwa der Weihnachtsbeleuchtung nicht beteiligen. Dabei erhöhen wir auch für sie den Wert ihrer Geschäftslage durch unsere Initiativen.

Welche Rolle spielen dabei die Bedingungen, die Ihnen von den städtischen Behörden oder vom Gesetzgeber vorgegeben werden?
Röse: Da empfinde ich keine Einschränkungen – mal abgesehen von kleineren Disputen, die man vielleicht mal mit Leuten aus der zweiten Reihe hat. Im Allgemeinen läuft das gut. Was die Stadt angeht, so halte ich die ständigen Klagen über die Höhe von Parkgebühren für kontraproduktiv. Sofern das von Geschäftsleuten kommt, halte ich das für dummes Zeug, für Ausreden. Am Ständeplatz kann man sehen, dass seit der Gebühren-Neuregelung deutlich mehr Parkplätze frei sind als vorher – für unsere Kunden. Vorher waren diese Plätze häufig von Mitarbeitern hiesiger Firmen belegt. Wer sich über dieses Thema beschwert, sollte sich mal die Lage in anderen Städten anschauen. Wir haben in Kassel drei gute Möglichkeiten, in die Innenstadt zu gelangen: Mit dem Auto klappt das gut, der öffentliche Nahverkehr ist hervorragend, und es gibt ja schließlich noch das Fahrrad.

 

Zur Person:
Lothar Röse wurde 1956 in Kassel geboren und hat nach dem Abitur Kunst studiert. Anschließend war er drei Jahrzehnte lang bundesweit sowie im Ausland in verschiedenen Branchen tätig, unter anderem in der Autoindustrie, in der Hotellerie und in der Werbung. Nach einer schweren Krankheit kam er 2012 in seine alte Heimat zurück und übernahm Anfang 2014 als Inhaber die traditionsreiche Kasseler Hofbuchhandlung Vietor am Ständeplatz, die damals einen Geschäftsnachfolger suchte. Lothar Röse ist verheiratet und lebt mit seiner Frau im Stadteil Harleshausen. Der 62-Jährige hat einen Sohn und zwei Enkel.

Das Foto zeigt Lothar Röse, Inhaber der Hofbuchhandlung Vietor.
Foto: HNA

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